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Prußen
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Die Prußen oder Pruzzen, nach der Eigenbezeichnung *PrĆ«sai, waren der baltische Volksstamm, auf den der deutsche geografische Name Preußen und der Name des Staates Preußen zurĂŒckgehen. Das Siedlungsgebiet der Prußen im 13. Jahrhundert lag an der Ostsee, etwa zwischen der Weichsel und der Memel. Sprachlich und ethnisch bestand zwischen den spĂ€teren, ĂŒberwiegend deutschsprachigen Bewohnern Preußens und den ursprĂŒnglichen, rein baltischen Prußen nur teilweise eine Verbindung; dagegen blieb der Name des gemeinsamen Siedlungsgebietes noch lange Zeit erhalten.

Contents

‱ StĂ€mme
‱ Christentum
‱ Sitten
‱ FrĂŒhzeit
‱ Musik
‱ Geschichte
‱ Quellen
‱ Weblinks

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Überblick

Die Prußen waren in StammesverbĂ€nden organisiert und hingen dem baltischen Glauben an. Zahlreiche FeldzĂŒge polnischer Herzöge zur Christianisierung der Prußen und Eroberung ihrer Siedlungsgebiete ab dem 10. Jahrhundert blieben ohne dauerhaften Erfolg. Der politisch ambitionierte polnische Herzog Konrad von Masowien bat 1228 schließlich den Deutschen Orden um Hilfe bei der Sicherung seiner LĂ€ndereien und ĂŒberließ ihm 1230 als Gegenleistung das Kulmerland.

Nach ihrer erfolgreichen Unterwerfung durch den Deutschen Orden 1283, die mit der vollstĂ€ndigen Zerstörung prußischer BesitztĂŒmer einherging, wurden die Prußen von den meist rheinischen, westfĂ€lischen und niederlĂ€ndischen Zuwanderern seit der Hochmittelalterlichen Ostsiedlung assimiliert. Christliche Masowier wanderten außerdem in die Landesteile ein, die an das Herzogtum Masowien grenzten, und zwar teilweise vor, aber hauptsĂ€chlich wĂ€hrend der Reformationszeit. Nach ihnen wurde ab dem 18. Jahrhundert diese Region als Masuren bezeichnet. In das nur noch spĂ€rlich besiedelte Gebiet der Schalauer, Nadrauer und Sudauer wanderten ab dem Ende des 15. Jahrhunderts Litauer ein.

Die Sprache der Prußen, das mit dem Litauischen und Lettischen verwandte Altpreußische, ist im 17. Jahrhundert ausgestorben und nur fragmentarisch dokumentiert.

Eigenname der Prußen

In altpreußischen Texten ist das Adjektiv prĆ«siskan (Akkusativ, Singular femininum) ĂŒberliefert, woraus der Volksname *PrĆ«sas (fĂŒr der Pruße) und *PrĆ«sai (fĂŒr Prußen) (lit. PrĆ«sai, mit Stoßton auf dem langen /u/) erschlossen werden kann.cite-ref-1[1] Der Name kann von einem GewĂ€ssernamen abgeleitet werden und ist vermutlich mit lit. praĆ«sti (fĂŒr [das Gesicht] waschen) verwandt; vgl. auch altpruß. prusnas fĂŒr des Gesichtes.cite-ref-2[2] Eine alternative Etymologie stellt den Namen zu litauisch prusti (fĂŒr anwachsen), also etwa Volksmenge.cite-ref-3[3]

Der Eigenname erscheint erstmals im 9. Jahrhundert beim anonymen Geographus Bavarus als Bruzi. Im Mittelniederdeutschen lautete der Name PrĂ»sse und im Mittelhochdeutschen Priuzen, woraus sich der spĂ€tere Name Preußen entwickelte. Die Polen nutzten den Namen Prusy. GelĂ€ufige latinisierte Formen waren Pruzi, Prutheni oder Borussi. Der entsprechende lateinische Landschaftsname Prussia oder Borussia ging im 18. Jahrhundert auf den vom König von Preußen (lat. Rex Boruss. [-orum] od. [-iae]) regierten Staat Preußen ĂŒber.

Die in der Literatur manchmal noch heute verwendete Form Pruzzen stammt aus einer Zeit, als der Buchstabe z intervokalisch oft zur Bezeichnung des stimmlosen s benutzt wurde. Daher wird die Aussprache durch die Schreibweise Prußen korrekter wiedergegeben.

StÀmme

Das Siedlungsgebiet der Prußen, wie auch das der anderen Balten, war ursprĂŒnglich wesentlich grĂ¶ĂŸer als in historischer Zeit und ist durch archĂ€ologische Funde ununterbrochen von der Eisenzeit (5. Jh. v. Chr.) bis zur sukzessiven Eroberung durch Slawen seit Beginn der Völkerwanderung (ab 6. Jh. n. Chr.) belegt. Durch mehrfache Eroberungsversuche des polnischen Königs Boleslaus I. und seiner Nachfolger gingen die Randgebiete des prußischen Siedlungsgebietes verloren.

Das verbliebene prußische Gebiet, das im 13. Jahrhundert vom Deutschen Orden in Besitz genommen wurde, wird in Regionen unterteilt, die ungefĂ€hr mit den Siedlungsgebieten der dort lebenden prußischen und slawischen StĂ€mme ĂŒbereinstimmen. Die Namen werden meist latinisiert oder eingedeutscht gebraucht, altpreußische Namen in ihrer ursprĂŒnglichen Form sind dagegen nicht ĂŒberliefert.

‱ Die Samen (Sami, Sambitae, nicht zu verwechseln mit den skandinavischen Samen) wohnten auf der Halbinsel Samland (Sambia). Auf ihrem Gebiet wurde 1255 die Handelsstadt Königsberg gegrĂŒndet. Erstmals werden sie von Adam von Bremen als Sembi genannt, der insbesondere ĂŒber ihre ErnĂ€hrungsgewohnheiten schrieb.
‱ Die Warmier (Varmienses, Hermini) wohnten am Frischen Haff zwischen der Podarge und dem Pregel. Auf ihrem Gebiet lag spĂ€ter die Stadt Braunsberg. Der Volksname lebt im Landschaftsnamen Ermland weiter.
‱ Die Natanger (Nattangi) wohnten zwischen den Warmiern und der Alle.
‱ Die Barter (Barthi) siedelten östlich der Alle. Nach ihnen ist der Ort Bartenstein benannt.
‱ Die Pogesanen (Pogesani) wohnten sĂŒdlich der Warmier und Natanger. Zum bedeutendsten Ort dieser Region wurde die Stadt Heilsberg.
‱ Das Gebiet der Pomesanen (Pomesani) schloss sich westlich an das der Pogesanen an und erstreckte sich bis zur Weichsel. Als stĂ€dtisches Zentrum bildete sich Marienburg heraus.
‱ Die Sassen im Kulmerland waren den Eroberungsversuchen von SĂŒden am meisten ausgesetzt und nahmen frĂŒh slawische Zuwanderer auf.
‱ Die Galinder (Galinditae) wohnten auf der Masurischen Seenplatte, sĂŒdlich der Barter, zwischen der Alle und dem Spirdingsee. Möglicherweise wurden sie bereits vom antiken Geographen PtolemĂ€us erwĂ€hnt („Galindae“, griech.: Î“Î±Î»ÎŻÎœÎŽÎ±Îč).cite-ref-4[4]
‱ Die Sudauer (Sudavi) wohnten östlich der Galinder bis an die Memel. Möglicherweise sind sie mit den Sudini (ÎŁÎżÏ…ÎŽÎčÎœÎżÎŻ) identisch, die in der Antike zusammen mit den oben genannten Galindae erwĂ€hnt werden. Die Sudauer werden auch Jatwinger (Jatvingi) genannt, deren historisches Gebiet jedoch viel weiter nach SĂŒden reichte.
‱ Die Nadrauer (Nadroviti) siedelten am oberen Pregel.
‱ Die Schalauen (Scaloviti) wohnten beidseits der unteren Memel und waren kulturell durch die unmittelbare Nachbarschaft der Litauer geprĂ€gt.
‱ In die prußischen Grenzgebiete Kulmerland und Löbau zogen, wie in Sassen, ebenfalls slawische StĂ€mme.

Religion der Prußen

Prußisches Heidentum

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Hauptartikel

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Prußische Religion

Der Chronist Peter von Dusburg beschrieb die prußische Religion als Naturreligion:

„Weil sie also Gott nicht kannten, deshalb verehrten sie in ihrem Irrtum jegliche Kreatur als göttlich, nĂ€mlich Sonne, Mond und Sterne, Donner, Vögel auch vierfĂŒssige Tiere, ja sogar die Kröte. Sie hatten auch WĂ€lder, Felder und GewĂ€sser, die sie so heilig hielten, dass in ihnen weder Holz zu hauen noch Äcker zu bestellen oder zu fischen wagten.“

–

Peter von Dusburg

:

Chronicon terrae Prussiae III,5 ,53

Als Gottheiten sind der Wissenschaft der Donnergott Percunis, der Fruchtbarkeitsgott Curche, der Wassergott Natrimpe und der Totengott Patollo bekannt. Weitere Götternamen, die seit dem 16. Jahrhundert in Listen auftauchen, werden von der Forschung unterschiedlich bewertet. Mit dem Criwe kannten die Prußen auch eine Art Oberpriester, dessen genaue Funktion aber in der Forschung noch diskutiert wird.

Die Prußen glaubten an ein Weiterleben nach dem Tod. Nach den Quellen schien der Tote in eine andere Welt ĂŒberzugehen und dort in derselben Aufmachung weiterzuleben wie im Diesseits. Der Verstorbene wurde standesgemĂ€ĂŸ verbrannt; manchmal wurde ihm neben Waffen, Werkzeug oder Schmuck auch ein Pferd fĂŒr das Leben nach dem Tod mitgegeben.

Ab dem 16. Jahrhundert ist die Bockheiligung oder das Waideln ĂŒberliefert, doch wird angenommen, dass dabei ursprĂŒnglich ein traditioneller Festakt gemeint war, der erst im Vorfeld der Reformation religiös aufgeladen und dann als heidnischer Akt fehlinterpretiert wurde.cite-ref-5[5]

Christentum

Die Missionierung der Prußen begann 997, als der böhmische Bischof Adalbert von Prag, unterstĂŒtzt vom polnischen FĂŒrsten und spĂ€teren König Boleslaus dem Tapferen, bei den Prußen missionierte, wobei er von den Prußen getötet wurde, ebenso wie sein Nachfolger, der sĂ€chsische Bischof Brun von Querfurt 1009.

Mit der Unterwerfung der Prußen durch den Deutschen Orden seit dem Jahr 1231 wurden die Prußen christianisiert.cite-ref-6[6] Wie lange noch das alte Heidentum weiterlebte, ist aus den Quellen nicht zu entnehmen. Am lĂ€ngsten sollen sich heidnische BrĂ€uche bei den abgelegenen Sudauern gehalten haben. Im 16. Jahrhundert entstand so das SudauerbĂŒchlein, das eine Götterliste, ‚heidnische‘ Feste und die Bockheiligung beschrieb. Doch wird in der Forschung die Meinung vertreten, dass dieses BĂŒchlein traditionelle VolksbrĂ€uche im Rahmen der Reformation als ‚heidnisch‘ missinterpretierte.cite-ref-7[7]

Zugleich mit der Errichtung des Herzogtums Preußen fĂŒhrte Herzog Albrecht im Jahre 1525 die Reformation ein, wĂ€hrend das Bistum Ermland, das zu Polen gehörte, katholisch blieb. Im Herzogtum kam es zu Verurteilungen wegen Hexerei, Waidlerei und Bockheiligung. Katholische und traditionelle VolksbrĂ€uche wurden verfolgt und als ‚unchristliche‘ BrĂ€uche verboten.

Um das Luthertum der prußischen Landbevölkerung nĂ€herzubringen, wurde 1545 der Kleine Katechismus erstmals in prußischer Sprache veröffentlicht.

An Adalbert von Prag erinnerte in Tenkitten ein Denkmal in Form eines großen Eisenkreuzes, welches vor allem von GrĂ€fin Wielopolska finanziert wurde. Das Adalbertkreuz wurde nach 1945 von den Sowjets zerstört und 1997 zum tausendsten Todestag von Adalbert wieder errichtet.cite-ref-8[8] An Bruno von Querfurt erinnert das 1909 errichtete Brunokreuz in Lötzen.

Altpreußische Sprache

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Hauptartikel

:

Altpreußische Sprache

Aus dem 14. Jahrhundert stammt der Ă€lteste altprußische Text. Simon Grunau fĂŒhrt eine Liste mit 89 Wörtern und ein Vaterunser an, welches aber als „korrumpiertes Lettisch“ zu betrachten ist.cite-ref-9[9] Auch Grunaus Wortliste ist nur bedingt fĂŒr die Erforschung des Altprußischen brauchbar. Die wichtigsten Zeugnisse sind das Elbinger Deutsch-Preußische Vokabular (um 1350) und drei Katechismen (16. Jh.).

FĂŒr das Altprußische können mehrere Dialekte festgestellt werden, am deutlichsten können das Pomesanische und das SamlĂ€ndische erschlossen werden. So lauten „Vater, Mutter, Bruder“ auf pomesanisch tƍwis, mƍthe, brƍte und auf samlĂ€ndisch tāws, mĆ«ti, brāti.cite-ref-10[10]

Sitten

FrĂŒhzeit

Mehrere mittelalterliche Schriften berichten ĂŒber die Sitten der alten Prußen, bevor sie christianisiert wurden. Die Prußen werden als bescheidenes Volk, das dem Luxus abhold war, beschrieben und das einfache Kleidung trug.

Die Prußen waren sehr gastfreundlich und ihre Feste dauerten die ganze Nacht, bis alle betrunken waren. Das wichtigste alkoholische GetrĂ€nk war Met.

„Als GetrĂ€nk haben sie einfaches Wasser, ein HoniggetrĂ€nk oder Met und Stutenmilch; diese tranken sie frĂŒher aber nur, wenn sie vorher geweiht war.“

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Peter von Dusburg

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Chronicon terrae Prussiae III,5 ,54

Wulfstan, der die Handelsstadt Truso am Frischen Haff aufsuchte, ergÀnzt, dass die reichen Leute Pferdemilch, die armen aber Met trinken. Nach Adam von Bremen sollen die Samen neben Pferdemilch auch Pferdeblut getrunken haben. Er erwÀhnt auch, dass Pferdefleisch gegessen wurde. Das Elbinger Vokabular hat den Eintrag Aswinan Kobilmilch (=Stutenmilch).

Die Frau hatte bei den alten Prußen eine geringe Stellung inne und wurde laut Peter von Dusburg nach dem Eheschluss wie eine Magd behandelt, die nicht am Tisch des Mannes speiste. Die Kaufehe war weit verbreitet, und nach dem Tod des Ehemannes fiel die Witwe dem Sohn zu, wie anderes Erbgut. Zudem war die Polygynie verbreitet. Nach der Unterwerfung wurden Kaufehe und Polygynie verboten.

Bestattungen

Vorchristliche BestattungsbrÀuche Ànderten sich nach Ausweis der ArchÀologie durch die Jahrhunderte.

In der Eisenzeit (5. Jh.v.–1. Jh. n. Chr.) war auf dem Gebiet der mittelalterlichen Prußen die Westbaltische HĂŒgelgrĂ€berkultur verbreitet. Damals kam die Brandbestattung in Urnen auf. Dabei wurden ĂŒber Steingruften fĂŒr bis zu 30 Urnen GrabhĂŒgel aufgeworfen, oder in bronzezeitliche HĂŒgelgrĂ€ber wurden Steinkisten fĂŒr die Urnen eingegraben.

In der frĂŒhen römischen Kaiserzeit kamen FlachgrĂ€ber auf, in denen der Leichnam in BaumsĂ€rgen bestattet wurde. Ab dem 3. Jh. verbreitete sich die Leichenverbrennung mit Urnen. Außer bei den Samen und Sudauern, wo FlachgrĂ€berfelder bis zur Christianisierung fortlebten, wurde die Brandgrubenbestattung ohne Urnen zunehmend die einzige Bestattungsform bei den Prußen. Verschiedene Bestattungsformen konnten jedoch gleichzeitig nebeneinander vorkommen.

Wulfstan berichtete, dass der Verstorbene vorerst im Hause aufgebahrt wurde, wo die Verwandten und Freunde die Totenfeier abhielten. Danach wurde das Vermögen des Verstorbenen aufgeteilt und eine Art Pferderennen veranstaltet. Dann wurde der Leichnam mit Kleidung und Waffen verbrannt. Der Christburger Vertrag des Jahres 1249 verlangte:

„
 dass sie und ihre Erben die GebrĂ€uche der Heiden im Verbrennen oder Beerdigen der Toten mit Pferden, Menschen, Waffen, Kleidern oder sonstigen anderen Kostbarkeiten 
 kĂŒnftig nicht beobachten wĂŒrden.“

WĂ€hrend die Totenfolge archĂ€ologisch nicht nachgewiesen werden konnte, sind PferdegrĂ€ber gut belegt, wobei die Pferde nicht verbrannt wurden. Sie kamen wĂ€hrend der römischen Kaiserzeit auf. AnfĂ€nglich wurden die Pferde liegend neben dem Grab des Verstorbenen bestattet. Ab dem 5. Jahrhundert wurde das Pferd zuerst bestattet und ĂŒber diesem wurde der Mensch bestattet.cite-ref-11[11] Andere Grabbeigaben sind archĂ€ologisch und schriftlich gut bezeugt, dazu gehörten Waffen, Werkzeug, Schmuck und Bernsteinperlen.

SudauerbĂŒchlein

Das Sudauer BĂŒchlein berichtet ausfĂŒhrlich ĂŒber Aberglaube und VolksbrĂ€uche der Sudauer im 16. Jahrhundert. Wieweit die darin geschilderten heidnischen BrĂ€uche der Wirklichkeit entsprachen, ist umstritten.

Hochzeit

Vor dem Verlassen des elterlichen Hauses trauert die Braut mit ihren Freundinnen. Dann verabschiedet sie sich vom hÀuslichen Feuer mit den Worten:

„Ohow mey myle swennte panike! O mein liebes heiliges fewerlein, wer wirdt dir das treuge höltzlin zutragen, wer wirdt dich vorwaren?“

Wird die Braut abgeholt, erhĂ€lt sie ein Feuer, das sie fortan im neuen Zuhause hĂŒten soll. Erreicht die Braut das Haus des BrĂ€utigams, wird sie mit verbundenen Augen vor die HaustĂŒr gefĂŒhrt, mit der Aufforderung, diese mit dem Fuß aufzustoßen. Auch wird sie im ganzen Gehöft herumgefĂŒhrt. Danach wird ein großes Fest gefeiert.

BegrÀbnis

Der aufgebahrte Tote wird beklagt:

„kayls naussen gingethe. ich trincke dir zu, unser freund, warumb bist du gestorben? hasto doch dein liebes weib, dein vich, deine kuhe?“

WĂ€hrend des Leichzugs stechen Freunde der verstorbenen Person mit Messern in die Luft, um die Teufel zu vertreiben. An der Dorfmark steht ein Pfahl, auf den ein Schilling gelegt wird. Die MĂ€nner mit Pferd veranstalten ein Wettrennen, um den Schilling zu erhaschen. Danach wird der Leichnam bestattet.

Musik

„Viele Melodien drehen sich nach dem alten griechischen Tonsatz, wie in den Windungen der Melodien der Dzuken und des UĆŸnemunis (Hintermemelgebietes). In Preußisch-Litauen werden Ă€olische, mixolydische, frygische, hypoĂ€olische, dorische und hypofrygische Melodien angetroffen, besonders viel in gemischtem Tonsatz: ein Teil in einem Tonsatz, der andere in einem anderen. Es gibt Melodien in melodisch minorisch gammischem Tonsatz. Ebenso werden Melodien angetroffen, die man wie in Ćœemaiten mit einer Zweitstimme singen kann, aber es gibt auch Melodien rein monodischer (einstimmiger) Art, denen mit einer Zweitstimme nicht mehr zuzustimmen geht.“

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Juozas Ćœilevičius:

GrundzĂŒge der kleinlitauischen Volksmusik

Die prußischen Lieder sind im Vergleich mit den litauischen viel archaischer, wozu viel die Reformation beigetragen hat. Es wurde das Singen von Psalmen und ChorĂ€len gelehrt, deren Melodien und Formen völlig anders waren. Die Menschen wurden angehalten, selbst zu Hause das Singen ihrer Volkslieder zu unterlassen, sodass diese in den Untergrund gedrĂ€ngt wurden und sich nicht im ĂŒblichen Gruppengesang weiterentwickeln konnten. Die pentatonischen Lieder der Landbevölkerung weisen sich durch charakteristische QuartensprĂŒnge aus, wĂ€hrend die SprĂŒnge der Fischerlieder auch Quinten, Sexten und Oktaven nach oben beinhalten und so das Schaukeln der Schiffe nachahmen. Bei den Fischerliedern fehlen auch Synkopen und Tanzrhythmen. Typisch fĂŒr prußische Lieder sind auch chromatische Tonfolgen mit gut erkennbarer Modulation. Da die tief glĂ€ubige Bevölkerung angehalten wurde, in fremder Sprache zu beten und fremde Lieder zu singen, wurde ihre ReligiositĂ€t nicht befriedigt. So wurden die „deutschen“ Lieder in ihrem Sinne verschönert, und der Organist musste sich wohl oder ĂŒbel der Gemeinde anpassen, wenn diese Töne in die LĂ€nge zog oder verkĂŒrzte oder gar mitten im Choral den Rhythmus wechselte.

„Bei der Aufzeichnung und Abfassung in Noten geht das Schönste verloren, was nicht ausgedrĂŒckt werden kann. Gleich dem Vogelgesange entschlĂŒpfen die plötzlichen Aufsteigungen, die schnellen AbfĂ€lle, die sanften Verschwebungen des Volksliedes jedem Versuch, sie festzuhalten und in Zeichen darzustellen.“

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Ludwig Rhesa:

Dainos oder Litthauische Volkslieder

Die Rhythmenwechsel in den Singtanzliedern machen es zudem manchmal erforderlich, in den 5/4-Takt auszuweichen. Allgemein werden der 2/4-Takt und der 3/8-Takt bevorzugt, seltener der 6/8-Takt. Den meisten Liedern liegt eine Wehmut, eine Melancholie zugrunde. Das VerhÀltnis zwischen Moll und Dur betrÀgt etwa 6:1.

„Bei diesen Wachfeuern erschallen die langgezogenen wehmĂŒtigen Rund- und ChorgesĂ€nge der Dzimken; alsbald greift Einer zur Violine oder zum Dudelsack, die Anderen fassen sich bei den HĂ€nden und springen und tanzen im Kreise herum. Der Tanz ist oft ein Solo, oft ein mimisches Gegeneinander- und Umeinanderherumtanzen von Zweien, wobei das schnelle Sichumwerfen besonders interessirt. Der Oberkörper bewegt sich wenig, aber die FĂŒĂŸe sind in kleinen zierlichen Wendungen und SprĂŒngen unerschöpflich. Die im Ganzen schwĂ€chliche Gestalt des Dzimken *) entwickelt im Tanz alle Schönheit, deren sie fĂ€hig ist. Die Violine spielt eine hopferartige Melodie, TĂ€nzer und Zuschauer klatschen mit schallenden HĂ€nden den Takt, der eine oder andere bricht auch wohl in ein helles Juchzen aus 
“

‱ Szoka kiszkis, szoka lapė, szoka wisi ĆŸwėris (Tanzt der Hase, tanzt der Fuchs, tanzen alle Tiere)
‱ ir tas briedis, il garietis, ir tas ne tylėju. (selbst das Elch, das langebeinte, mag im Forst nicht ruhen.)

„Die littauische *) Jugend ĂŒbertrifft die deutsche in geschwinder Erlernung der schwersten Melodien; seien es weltliche oder geistliche, man kann ihren wohlklingenden taktfesten Gesang nicht ohne Bewegung hören. Wenn die MĂ€dchen ihre theils erlernten, theils aus dem Steigreif gedichteten Liebeslieder und Liebesklagen singen, tönt ihre Stimme in einem weichen wollĂŒstigen Schmelz, und derselbe Ausdruck lagert sich dann um Mund und Augen, so daß der Fremde, wenn er auch nicht ein Wort versteht, doch den Sinn errĂ€th.“cite-ref-14[14]

mit „littauisch“ ist das nördliche Ostpreußen gemeint

Instrumente wurden alle selbst hergestellt. Sie wuchsen quasi ĂŒberall, man musste sie sich nur ein wenig herrichten. Sehr beliebt waren Saiteninstrumente wie Geige, Fiedel, Cello und die zitherĂ€hnliche Kantele oder Kankle. Diese hatte ursprĂŒnglich nur fĂŒnf Saiten, wurde aber spĂ€ter auch mit bis zu dreiundzwanzig Saiten bespannt. Sie gab es in verschiedenen GrĂ¶ĂŸen und wurden meist in D-Dur oder D-Moll gestimmt. Flöten gab es in jeder GrĂ¶ĂŸe, oft wurden sie unten mit einem Rinderhorn als KlangverstĂ€rker versehen. Eine besondere Flöte war die Trimiete, in der alphornlangen Version auch (der) Trubas (prußisch trupas: Holzklotz, Baum) genannt. Diese wurden aus ganzen BĂ€umen hergestellt, die der LĂ€nge nach gespalten und ausgehöhlt wurden. Dann wurden sie mit Pech zusammengeleimt und mit Birkenrinde und BĂ€ndern umwickelt. Die kleinere aber trotzdem sehr laute Trimiete (prußisch triun-metas: Drittel-Maß) wurde von HĂŒtejungen auf Waldweiden gebraucht und spielte meist Quart- und Sextintervalle. 1638 schreibt die Insterburger Kirchenvisitation:

„Desgleichen lĂ€uft dabei auch das Unwesen, dass sie gemeiniglich ĂŒber der Predigt aufgezogen kommen und mit Trummel und Pfeifen ein großes GetĂŒmmel machen, dadurch Pfarrer und Kirchenbesuch gestört werden. Darum wird solches unzeitiges Getrummel verboten und wenn sie es nicht lassen wollen, sollen ihnen durchstochen und zerschnitten und die Pfeifen zerschlagen, auch der Kirche 3 Mark Strafe erlegt werden.“

Geschichte

Älteste Überlieferungen

Die Ă€ltesten Zeugnisse ĂŒber die Bewohner an der Ostsee östlich der Weichsel stammen vom römischen Geschichtsschreiber Tacitus, der in der Germania ausfĂŒhrlich ĂŒber den Bernsteinhandel der Ästier (Aestii) berichtet. Der gotische Geschichtsschreiber Jordanes beschrieb diese als friedfertige Bauern, die vom Fischfang und Bernsteinhandel lebten und mit Keulen bewaffnet seien. Cassiodor berichtet, dass die Ästier dem gotischen FĂŒrsten Theoderich dem Großen wertvolle Bernsteingeschenke gesandt haben. Obschon keine IdentitĂ€t zwischen den antiken Ästiern und den mittelalterlichen Prußen angenommen werden kann, geben diese antiken Schilderungen eine Idee ĂŒber baltische Vorfahren der Prußen.

PtolemÀus schrieb, dass die Galindae und die Sudini unterhalb der Venedeae wohnten, womit wohl bereits die Galinder und Sudauer genannt werden.

Der erste Augenzeugenbericht stammt vom angelsĂ€chsischen HĂ€ndler Wulfstan, der um 890 die Handelsstadt TrĆ«so am Frischen Haff aufsuchte und BrĂ€uche der dortigen Bevölkerung schilderte. Die Bevölkerung nannte er Ēstas.

Die Berichte ĂŒber die ersten Missionare Adalbert und Brun, die bei den Prußen um die Jahrtausendwende das Martyrium erlitten, sind wenig aussagekrĂ€ftig und Adam von Bremen schrieb lediglich etwas ĂŒber die ErnĂ€hrung der Samen. Der arabische Gelehrte al-Idrisi berichtete vom Feuerkult der BurĆ«s in der Umgebung von Wilna. Seine Information hatte er vermutlich von warĂ€gischen HĂ€ndlern.

Unterwerfung und Christianisierung der Prußen

Methoden der Unterwerfung

Der Deutsche Orden ĂŒbernahm weitgehend prußische Burgen, die aus Holz, Erde und Steinen erbaut waren. Jedoch errichtete er auch Burgen aus gebrannten Ziegeln, bei denen Kriegsgefangene und prußische Bauern Frondienste leisteten. Diese Burgen waren meist fĂŒr 2000 Mann ausreichend und fassten einen Versorgungsvorrat, der fĂŒr eine zweijĂ€hrige Belagerung vorgesehen war. Die militĂ€rische und organisatorische Überlegenheit der Ritter veranlasste die prußischen HĂ€uptlinge zu Verhandlungen, die es im Gegensatz zu den Ćœemaiten (Samogiten/Samaiten) und Litauern nicht verstanden hatten, sich unter einem König zu einigen. Deutsche und polnische Geistliche waren bestrebt, das Christentum zu verbreiten.

Im Schutz der errichteten Burgen siedelten sich in den Vorburgen, sogenannten Lischken, Handwerker, Gewerbetreibende und Bauern an, so dass diese rasch zu StĂ€dten heranwuchsen. SpĂ€ter wurden in die Stadtordnungen diskriminierende Punkte aufgenommen, wonach Prußen, Polen, Litauern und Juden das Wohnen in den StĂ€dten nicht erlaubt war, so dass in StĂ€dten nur noch Deutsche siedelten. Auf dem flachen Land durften zunĂ€chst auch Prussen ihren angestammten Besitz behalten.

Im Laufe des 13. Jahrhunderts gelang es dem Deutschen Ritterorden durch steten Zufluss an neuen KrĂ€ften nach langen Auseinandersetzungen, die Prußen zu unterwerfen und zu christianisieren. In den von Prußen bewohnten Dörfern wurden meist bekehrte PrußenhĂ€uptlinge als Verwalter eingesetzt.

Erste Eroberungsversuche

Ab dem 11. Jahrhundert versuchte Polen mehrmals, das Siedlungsgebiet der Prußen zu erobern, um damit einen Zugang zur Ostsee zu gewinnen. Diese durchgefĂŒhrten KriegszĂŒge scheiterten jedoch am Widerstand der Prußen. Diese ĂŒberfielen und plĂŒnderten ihrerseits wiederholt polnische Siedlungen. Weitere Versuche (1209, 1220 und danach) durch Herzog Konrad von Masowien, die Prußen zu unterwerfen, konnten von diesen immer wieder erfolgreich abgewehrt werden. Konrad stiftete auf Anraten des ersten preußischen Bischofs Christian von Oliva 1224 einen Orden aus deutschen Rittern, die BrĂŒder von Dobrin. Es waren nur wenige Ritter und auch diese konnten von den Prußen abgewehrt werden. Da sich Konrad nun durch die Abwehr der Prußen selbst verunsichert sah, rief er den Deutschen Orden zu Hilfe.

1224 hatte Kaiser Friedrich II. Livland und Preußen in kaiserlichen Schutz genommen und die Einwohner als Reichsfreie nur direkt der Kirche und dem Kaiserreich direkt unterstellt und sie von Dienst und Jurisdiktion jeglicher Herzöge befreit. Ende 1224 verkĂŒndete der Papst der gesamten Christenheit, dass er Bischof Wilhelm von Modena als Legaten fĂŒr Livland und Preußen eingesetzt habe.

Um die Nordgrenze Masowiens, also die SĂŒdgrenze Preußens wieder zu festigen, bot Herzog Konrad von Masowien dem Deutschen Ritter-Orden Landrechte im Gegenzug fĂŒr militĂ€rische UnterstĂŒtzung als Gegenleistung ihrer Hilfe an. Der Deutsche Orden wartete aber ab, bis er den Besitz Preußens vom Kaiser bestĂ€tigt bekam, was mit der Goldbulle von Rimini 1226 geschah.

Im Vertrag von Kruschwitz aus dem Jahr 1230 wurden dem Deutschen Orden durch Herzog Konrad das Kulmerland sowie alle kĂŒnftigen Eroberungen in Preußen mit allen zugehörigen Rechten als Schenkung ĂŒbertragen. Die Originalurkunde des Vertrages ist nicht mehr erhalten. Es wird ernsthaft diskutiert, ob es sich bei dem Vertrag um ein Diktat des Ordens oder um eine FĂ€lschung handelt.cite-ref-15[15]

1234 erfolgreicher Feldzug des Ordens gegen die Prußen.

Die Eroberungen wurden im Namen der Christianisierung betrieben: „
 sollte der Orden die MĂŒhe des Krieges auf sich nehmen, den Einmarsch ins Prußenland und dessen Eroberung – ad integriendum et optinendum terram Pruszie –, Gott zu Ehren und zum Lob – ad honorem et gloriam veri Dei –, das heißt mit dem Ziel, die Heiden zur Taufe zu zwingen.“cite-ref-16[16]

In der Regel wurde den besiegten StĂ€mmen die Forderung zur Annahme der Taufe ĂŒberbracht. Wer sich der Taufe widersetzte, musste große Benachteiligungen durch die Eroberer rechnen.

Erster Prußenaufstand 1242–1249

1242 kam es zum ersten großen Prußenaufstand unter Leitung von Herkus Monte. WĂ€hrend der PrußenaufstĂ€nde hatten die Prußen, unterstĂŒtzt vom SamboridenfĂŒrst Swantopolk II., fast ihr gesamtes Gebiet zurĂŒckerobert, sogar einige Ordensburgen eingenommen. Nur die Burgen Elbing, Balga, Thorn, Kulm und Rhedin trotzten den Angriffen. Der Herzog von Masowien half dem Orden, so dass dieser das Kulmer Land wiedergewinnen konnte. 1243 rief Innozenz IV. zum Kreuzzug gegen die Prußen auf. Svantepolk wurde 1244 zu Friedensverhandlungen gezwungen, den Vertrag unterzeichnete er jedoch erst, nachdem der Orden die Zusicherung gegeben hatte, den Krieg nicht fortzusetzen und von der UnterdrĂŒckung der Prußen abzulassen. Der Orden hielt diese Versprechen nicht ein, so dass Svantepolk im Jahr 1245 den aufstĂ€ndischen Prußen zu Hilfe eilte und die Ritter vertrieb. Dem Orden blieben nur die Burgen Balga, Elbing, Kulm und Thorn.

WĂ€hrend Prußen und Ostpommern sich im jahrelangen Kampf erschöpft hatten, rekrutierte der Orden stĂ€ndig neue Ritter, die meist nur ein Jahr, selten zwei, unter Waffen standen. So ließ man sich im Jahr 1249 auf Friedensverhandlungen ein. In Christburg (heute DzierzgoƄ) wurden in 18 Punkten die gegenseitigen Rechte und Pflichten festgelegt, wobei sich diejenigen fĂŒr die Prußen nicht wesentlich von denen der Deutschen unterschieden.

Friede von Christburg 1249

Mit der Christburger Friedensurkunde von 1249 erhielten die Pomesanier, Warmier und Natanger Rechte, sofern sie das Christentum annahmen: freies Erwerbsrecht, weit gehendes Erbrecht, bedingtes VerĂ€ußerungsrecht ĂŒber Mobilien, Verkaufsrecht von Immobilien, das Recht frei und selbstĂ€ndig vor weltlichen und geistlichen Gerichten die Sachen zu fĂŒhren, SprĂ¶ĂŸlinge edler Geschlechter konnten in den Ritterstand aufsteigen, Pflicht, den Zehnten aus den Scheuern an den Orden zu zahlen, Pflicht an allen Kriegsreisen teilzunehmen, Bewaffnung je nach VerhĂ€ltnissen.cite-ref-17[17]

Weitere Eroberungen

1250 endete ein Versuch, die Natanger zu unterwerfen, mit der Niederlage des Ordens. Nach Grunau kamen dabei 54 Ritter und 1500 WaffentrĂ€ger ums Leben. Die noch nicht eroberten Galinder wollten ihrer Unterjochung zuvorkommen und wandten sich an die Herzöge von Kujawien und Masowien. Der Orden war damit nicht einverstanden und fĂŒhrte 1253 mit Hilfe frisch eingetroffener Kreuzritter einen Kriegszug gegen die Barter und Galinder. Da die meisten Bewohner geflĂŒchtet waren, blieben grĂ¶ĂŸere Kampfhandlungen aus.

Inzwischen bereitete der Orden mit aller Macht die Eroberung des Samlandes vor. Poppo von Osterna, seit 1254 Landmeister, erhielt Hilfe von Ottokar von Böhmen, Rittern aus Sachsen, ThĂŒringen, Meißen, Brandenburg und vom Rhein. Ebenso unterstĂŒtzten der Markgraf von Brandenburg, die Bischöfe von Kulm, Ermland und Ölnitz sowie Rudolf von Habsburg das Unternehmen. Vor dieser Übermacht ergaben sich die SamlĂ€nder und ließen sich taufen. Der schwache Widerstand der SamlĂ€nder lĂ€sst sich wohl auch dadurch begrĂŒnden, dass sich bedingt durch jahrhundertelangen Überseehandel eine besitzende Schicht herausgebildet hatte, welcher der Komtur Burkhard von Hornhausen ihr Eigentum verbĂŒrgte. Nicht selten wurden ihnen noch 15 bis 25 Familien aus dem Volk zugewiesen und ihnen zu Gehorsam verpflichtet. Die Edlen zahlten im Gegensatz zu den untergebenen Familien keine Abgaben. 1255 erbauten die Ordensritter zur Sicherung ihrer Eroberung die Burg Königsberg anstelle der Prußenburg Twangste (Tuvangste).

Zweiter Prußenaufstand 1260–1283

1256 erhoben sich die Natanger erneut, ein Jahr spĂ€ter kam es zum ersten Aufstand im Samland. Auch in den nĂ€chsten Jahren versuchten es prußische Abordnungen, in Verhandlungen mit dem Orden die Verringerung der Abgaben und Frondienste zu erreichen. 1261 ließ der Ordensvogt Walrod Mirabilis eine solche Abordnung im Versammlungshaus einschließen und das Haus verbrennen. Daraufhin brach in sechs Landschaften ein allgemeiner Aufstand aus. Dusburg und Grunau berichten, dass an der Spitze jene jungen Prußen standen, die die Ritter auf deutschen Schulen ausgebildet hatten und die sich in der KampffĂŒhrung des Ordens bestens auskannten. Dies waren Auctuno aus Pogesanien, Synko aus Pomesanien, Glappo aus Warmien, Dyvane Clekine „der BĂ€r“ aus Barten, Hercus Monte aus Natangen und Richard Glande aus dem Samland.

Der Orden konnte wieder nur seine großen Burgen halten, bis ein neues Heer unter Heinrich zu Rechenberg herangefĂŒhrt wurde. Dies traf jedoch kaum auf Widerstand, da die Prußen sich in ihre Verhaue in den WĂ€ldern zurĂŒckgezogen hatten. Erst bei Pokarben in Natangen ĂŒberfielen die Prußen unter Hercus Monte die Kreuzfahrer und bereiteten ihnen eine empfindliche Niederlage. Ein zweites Ordensheer wurde 1263 von den SamlĂ€ndern unter Richard Glande aufgerieben. Die Burgen Heilsberg und Braunsberg konnten genommen werden, wĂ€hrend Königsberg, Kreuzburg und Bartenstein in Ordenshand blieben. Mit Hilfe der LivlĂ€nder und abtrĂŒnniger PrußenhĂ€uptlinge, sogenannte Withinge, die mit bevorrechtigten Orten – sogenannten Vitten – belohnt wurden, eroberte der Orden 1264 das Samland zurĂŒck.

Barta, Natangen, Teile Warmiens, Pogesanien und Pomesanien wurden von Prußen beherrscht. Unter Hercus Monte wurden mit Hilfe von Belagerungsmaschinen die letzten Burgen genommen, zuerst Kreuzburg, dann Bartenstein. Bei Löbau erlitt der Orden eine weitere Niederlage. In einer Kreuzzugspredigt von Papst Urban IV. heißt es: „Nicht ohne TrĂ€nen haben wir gehört, wie fĂŒr des Glaubens Sache, die bisher in jenen Landen unter so unendlichen MĂŒhen und BedrĂ€ngnissen gefördert wurde, jĂŒngst fast 1000 OrdensbrĂŒder durch die grausame Hand der UnglĂ€ubigen erschlagen worden sind.“ 1265 erschien dann ein weiteres Ordensheer, das wegen des milden Winters jedoch kaum etwas ausrichten konnte, da die ostpreußischen SĂŒmpfe nur bei Frost betreten werden konnten. Die Ritter begnĂŒgten sich mit der Erbauung der Burgen Tapiau und Brandenburg am Frischen Haff und zogen dann wieder ab.

Svantepolk verstarb 1266, und sein Sohn Mestwin II. setzte die Politik seines Vaters fort, indem er die Weichselschifffahrt blockierte und dem Orden die Versorgung abschnitt. In dieser Zeit stĂŒrmten die Barter unter Clekine Christburg und die Pomesanier unter Synko Marienwerder. Die Verteidigung fand hauptsĂ€chlich in den westlichen Stammesgebieten statt. Von SĂŒden kamen die Sudauer unter Skomand von Sudauen zu Hilfe. Sie eroberten Löbau, belagerten Kulm und Thorn, zerstörten die Festungen Starkenberg und Wartenberg. Die Burg Rhedin wurde immer wieder erobert und vom Orden mit Hilfe der Masovier zurĂŒckgewonnen. 1271 rĂŒckte Clekine bis Schönburg vor, starb jedoch ohne die Burg erstĂŒrmt zu haben. Clemens IV. rief zu einem neuen Kreuzzug auf, danach 1272 Gregor X. Diesmal wurde das Ordensheer durch einen starken Winter begĂŒnstigt. Glappo fiel, Hercus Monte geriet in die HĂ€nde der Ritter und wurde ermordet. Glande war gefallen ebenso wie Synko. Nur Auctumo kĂ€mpfte weiter. Die herbeieilenden Sudauer wurden zurĂŒckgedrĂ€ngt. Dreizehn Jahre hatte der letzte große Freiheitskampf gedauert, nun aber ihrer FĂŒhrer beraubt, gaben die Prußen ihren Widerstand auf und ergaben sich.

Lediglich die drei NordstĂ€mme der Nadrauer, Schalauer und Sudauer waren unbesiegt. 1276 wurden die Nadrauer mit Hilfe neuer Kreuzritter unterworfen, doch viele Einwohner flohen ins benachbarte Litauen. 1277 rĂŒckten die Ritter in Schalauen ein, stießen jedoch kaum auf Widerstand. Um die Stammesbande zu zerreißen, wurden die Schalauer umgesiedelt. Der Zug 1278 gegen die Sudauer, die hĂ€ufig UnterstĂŒtzung durch die Litauer erhielten, endete mit einer Niederlage, erst 1283 konnte dieser Stamm besiegt und Skomand zur Taufe bewegt werden. Als Belohnung erhielt er das Gut Stegnio, spĂ€ter Steegen. Auch die Sudauer wurden bewusst zersiedelt, u. a. nach Schalauen und ins Samland (Sudauischer Winkel). Die letzten unbezwungenen Sudauer zogen mit ihrem HĂ€uptling Skurdo nach Litauen und kehrten nicht wieder. Nach 53 Jahren war das gesamte Prußenland unterworfen.

WĂ€hrend der prußischen AufstĂ€nde kam infolge von Kriegshandlungen und Umsiedlungen zweifellos eine große Anzahl von Prußen ums Leben; manche Forscher sprechen von 20 bis 50 % der Bevölkerung. Die noch im 19. und frĂŒhen 20. Jahrhundert vertretene These, wonach bis zu 80 % der Prußen umgekommen seien, gilt mittlerweile als nicht mehr haltbar.

Assimilierung der Prußen

In den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten förderte der vom Deutschen Ritterorden gegrĂŒndete Deutschordensstaat den Zustrom deutscher Ritter, aber auch von Bauern und BĂŒrgern aus aller Herren LĂ€nder, wodurch die altpreußische Sprache immer mehr verdrĂ€ngt wurde. Die Prußen akkulturierten sich vollstĂ€ndig an die sie umgebenden Deutschen, Polen und Litauer. Von den letzten Sprechern des Prußischen wird um 1700 berichtet. Nur Teile ihrer Sprache blieben in wenigen schriftlichen Fragmenten, Orts- und Familiennamen und im ostpreußischen Platt erhalten. Die Familien Kalnein, Saucken, Kalckstein und Perbandt stammten von den Preußen ab.

Quellen

‱ Peter von Dusburg: Chronica Terre Prussie. 16. Jh. (Nachdruck: Darmstadt 1984, ISBN 3-534-00604-6. books.google.de – spĂ€tere Ausgabe)
‱ Max Perlbach, R. Philippi, P. Wagner (Hrsg.): Simon Grunau’s preussische Chronik. Bd. 1–3, Leipzig 1876–1896. (Die preussischen Geschichtsschreiber des 16. und 17. Jahrhunderts 1–3)

SekundÀrliteratur

‱ Hartmut Boockmann: Ostpreußen und Westpreußen. Siedler, Berlin 2002, ISBN 3-88680-772-X (= Deutsche Geschichte im Osten Europas).
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‱ Wilhelm Reinhold Brauer: Baltisch-Prussische Siedlungen westlich der Weichsel. Nicolaus-Copernicus-Verlag, MĂŒnster 1988, ISBN 3-924238-12-X.
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‱ Heinrich Gerlach: Preußen – Aufstieg, Glanz und Untergang. Weltbild-Verlag, Augsburg 1994, ISBN 3-89350-694-2.
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‱ Erich Weise (Hrsg.): Handbuch der historischen StĂ€tten. Band: Ost- und Westpreußen (= Kröners Taschenausgabe. Band 317). Kröner, Stuttgart 1966, OCLC 186476024.

Weblinks

Commons

: Altpreußen

– Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Wiktionary: Pruzze

– BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

‱ Baltische StĂ€mme nach M. Gimbutas (Memento vom 10. April 2012 im Internet Archive)
‱ Prußenarbeitsgemeinschaft Tolkemita
‱ Prußische Stammesgebiete
‱ Bevölkerungsentwicklung
‱ Christburger Vertrag 1249. Der Friedensvertrag zwischen dem Deutschen Orden und den abgefallenen Prußen regelte die Wiederannahme der Herrschaft durch den Orden, Herder-Institut fĂŒr historische Ostmitteleuropaforschung, abgerufen am 20. Mai 2016
‱ „Baltic Tribes - die letzten Heiden Europas.“ – preisgekrönte „Abenteuerdoku“ aus Lettland 2018 (Filmbeschreibung). Im Zuge der Handlung bereist ein fiktiver dĂ€nischer Kaufmann und SpĂ€her – das gab es nach Angaben des mittelalterlichen Liber Census DaniĂŠ wirklich – die LĂ€nder aller baltischen StĂ€mme, etwa ab 1200 bis zur Schlacht von Schaulen (1236). Die Angaben ĂŒber Besiedlung, soziale Sitten, Religion, Handel, Kleidung, Hausbau, Bevölkerungszahl, StĂ€dte usw. und die eingefĂŒgten animierten KurzerklĂ€rungen stehen auf aktuellem geschichtswissenschaftlichen und archĂ€ologischen Forschungsstand und stammen vom Institutsleiter fĂŒr ArchĂ€ologie an der UniversitĂ€t Lettlands, Juris Urtāns, dem Balten-ArchĂ€ologen Tomasz Nowakiewicz (UniversitĂ€t Warschau) und dem lettischen ArchĂ€ologen und Burg-Kurator Gundars KalniƆơ. In min. 4:43 – 15:57 werden einige bekannte Angaben ĂŒber die Prußen verfilmt oder erklĂ€rt, darunter die Reserviertheit gegen christliche Missionare, die animistische Natur- und Geisterverehrung, Opferrituale, heilige WĂ€lder und Eichen und die Rolle der Priester (Waideler oder krÄ«ws), der Glaube an Gottesurteile und erwĂ€hnt wird der mögliche Hohepriester Criwe in Romowe.

Einzelnachweise

cite-note-11. ↑ Reinhold Trautmann: Die altpreußischen SprachdenkmĂ€ler. 1910.
cite-note-22. ↑ Rainer Eckert: Altpreußisch. In: MiloĆĄ Okuka (Hrsg.): Lexikon der Sprachen des europĂ€ischen Ostens. Klagenfurt 2002, ISBN 3-85129-510-2, S. 590 f.
cite-note-33. ↑ Wolfram Euler: Das Altpreußische als Volkssprache im Kreise der indogermanischen und baltischen Sprachen. Innsbrucker BeitrĂ€ge zur Sprachwissenschaft; VortrĂ€ge und kleinere Schriften. Innsbruck 1988, ISBN 3-85124-595-4.
cite-note-44. ↑ Claudius PtolemĂ€us: Geographiae libri octo. Graece et Latine ad codicum manu scriptorum fidem, Fasciculus 3: Librum tertium continens. Baedeker, Essen 1842, S. 201, Zeile 6. (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek).
cite-note-55. ↑ Michael Brauer: Die Entdeckung des ‚Heidentums‘ in Preußen. Akademie Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-05-005078-2.
cite-note-66. ↑ JĂŒrgen Sarnowsky: Der Deutsche Orden – Entwicklung und Strukturen im Mittelalter. UniversitĂ€t Hamburg, 6. Oktober 1993, abgerufen am 20. April 2014.
cite-note-77. ↑ Michael Brauer: Die Entdeckung des ‚Heidentums‘ in Preußen. Akademie Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-05-005078-2.
cite-note-88. ↑ Gisela Graichen, Matthias Gretzschel: Die Prussen: Der Untergang eines Volkes und sein preußisches Erbe. Scherz Verlag, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-502-15172-2.
cite-note-99. ↑ Reinhold Trautmann: Die altpreußischen SprachdenkmĂ€ler. 1910, S. XXVI.
cite-note-1010. ↑ Wolfram Euler: Das Altpreußisch als Volkssprache im Kreise der indogermanischen und baltischen Sprachen. Innsbruck 1988.
cite-note-1111. ↑ Jan Jaskanis: Human Burials with Horses in Prussia and Sudovia in the first Millenium of ur Era. In: Acta Balto-slavica. Band 4, 1966, S. 29–65.
cite-note-121. In Tolkemita-Texte „25 Lieder der Sudauer“ Nr. 56, Dieburg 1999, S. 6 ff.
cite-note-132. Königsberg 1825, S. 347 f.
cite-note-1414. ↑ Otto Glagau: Littauen und die Littauer. Tilsit 1869.
cite-note-1515. ↑ Martin Armgart: KONRAD I., Herzog von Masowien. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 4, Bautz, Herzberg 1992, ISBN 3-88309-038-7, Sp. 419–423.
cite-note-1616. ↑ Udo Arnold, Marian Biskup: Der Deutschordensstaat Preussen in der polnischen Geschichtsschreibung der Gegenwart. Elwert Verlag, 1982, S. 57.
cite-note-1717. ↑ Hartmut Boockmann: Der Deutsche Orden. Zwölf Kapitel aus seiner Geschichte. C.H. Beck, MĂŒnchen 1981, ISBN 3-406-08415-X, S. 110.